• NEUSTART IN STILLE

    5. Woche

    WER SUCHET – FINDET NICHT

    Einen Körper zu haben
    heißt, berührbar zu sein.
    Schmerzfähig.
    Vergänglich.

    Wir merken es,
    wenn wir still werden.
    Wenn nichts mehr erklärt
    oder repariert werden muss.

    Solange der Geist sucht,
    ist noch ein Ego beteiligt,
    das ankommen will
    wo nichts fehlt.
    Doch jeder Schritt dorthin
    verlängert den Weg.

    Erst wenn du beim Meditieren
    das Suchen aufgibst,
    öffnet sich etwas Anderes:

    Dieser natürliche Atem,
    dieses entspannte Sitzen,
    dieses einfache Dasein –
    ohne Absicht, ohne Anspruch.

    Nichts erreichen.
    Nichts vermeiden.
    Weder Selbstbewusstsein
    noch Zufriedenheit –
    nicht einmal Frieden.

    Im Aufhören des Wollens
    ist kein Mangel mehr.
    Kein Anhaften.
    Kein Ziel –
    nur Gegenwart.

    Das ist alles.
    Und vielleicht –
    ohne es festzuhalten –
    ist das genug.

    04. Woche

    WIE FÜHLST DU DICH?

    Die meisten von uns leben im Kopf.
    Wir denken, planen, erklären, bewerten.
    Das ist nicht falsch. Aber es ist nur ein Teil von uns.

    Es gibt noch einen anderen Zugang: das Spüren.
    Ein stilles Wissen, das keine Worte braucht.
    Du erfährst es direkt im Körper.

    Wenn wir ehrlich sind, kommt dieses Spüren im Alltag oft zu kurz.
    Vielleicht möchtest du ihm heute ein wenig Raum geben.

    Eine einfache Übung

    Setze dich entspannt auf dein Meditationskissen.
    Richte dich auf, ohne dich zu verspannen.

    Beginne, die Silbe OM sanft zu summen.
    Nicht laut, nicht nach außen gerichtet –
    eher nach innen.
    Ein leises, ruhiges Summen,
    das durch den Körper fließt.

    Lass den Ton kommen und gehen.
    Ohne Anstrengung. Ohne Ziel.

    Mache zwischendurch kleine Pausen.
    Spüre nach.
    Dann beginne erneut.

    Du kannst mit geschlossenem Mund summen.
    Oder mit verschiedenen Tonhöhen experimentieren.
    Es gibt kein Richtig und kein Falsch.

    Nimm wahr

    Erwarte nichts Besonderes.
    Achte einfach darauf, was geschieht.

    Wo spürst du die Vibration?
    Wie reagiert dein Körper?
    Wie fühlst du dich danach?

    Vielleicht verändert sich etwas.
    Vielleicht auch nicht.
    Beides ist in Ordnung.

    Wenn du diese Übung hin und wieder in deine Zen-Praxis aufnimmst,
    kann dein Spürbewusstsein feiner werden.
    Du kommst dem Körper näher – und damit dir selbst.

    Wir sind kein starres Gebilde.
    Wir sind ein lebendiger Prozess.
    In uns fließt ständig Energie,
    wird verwandelt, neu organisiert.

    Das Summen kann diesen Prozess sanft unterstützen.
    Nicht, um etwas zu erzwingen –
    sondern um in Kontakt zu kommen.

    Mit dem, was jetzt da ist.

    03. Woche

    FREIRÄUME SCHAFFEN

    In der traditionellen japanischen Wohnkultur
    geht es nicht darum, Räume zu füllen.
    Es geht darum, sie offen zu halten.

    Zimmer sind nicht festgelegt.
    Sie tragen keine dauerhafte Funktion.
    Ein Raum ist morgens Schlafplatz,
    tagsüber leer,
    abends Ort der Begegnung –
    und dazwischen einfach Raum.

    Diese Leere ist kein Mangel.
    Sie ist Absicht.

    Tatami-Matten geben nur ein Maß vor,
    keine Bedeutung.
    Der Raum wartet.
    Er drängt sich nicht auf.

    Aus dieser Haltung ist auch der Zen gewachsen.
    Nicht als Theorie,
    sondern als gelebte Erfahrung von Raum,
    Stille und Einfachheit.
    Zen zeigt sich nicht zuerst im Meditationskissen,
    sondern im Alltag –
    in der Art, wie Raum gelassen wird.

    Im Japanischen gibt es dafür das Wort Ma:
    der Zwischenraum.
    Die Pause.
    Das Offene zwischen zwei Dingen.

    Nicht das Objekt ist entscheidend,
    sondern der Raum,
    der Bewegung, Beziehung
    und Wandel ermöglicht.

    Auch der Tokonoma folgt diesem Prinzip.
    In der Wandnische findet sich oft nur
    ein Schriftzeichen, ein Zweig,
    ein Bild –
    und sonst nichts.

    Gerade weil der Raum leer ist,
    kann das Wenige wirken.
    Bedeutung entsteht nicht durch Fülle,
    sondern durch Zurückhaltung.

    Im Zen heißt es:
    „Leere Weite – nichts Heiliges.“
    Das meint genau dies:
    Kein Zustand ist besser als ein anderer.
    Kein Raum muss besonders sein.
    Er darf einfach sein, was er ist.

    Schiebetüren trennen nicht hart.
    Sie lassen Licht, Luft und Jahreszeiten durch.
    Innen und außen bleiben verbunden.
    So wird erfahrbar:
    Körper, Geist und Umgebung
    sind nicht getrennt.

    Diese Wohnkultur –
    und der Zen, der aus ihr spricht –
    lehrt kein Verzichten.
    Sie lädt ein zum Weglassen.
    Nicht aus Disziplin,
    sondern aus Klarheit.

    Freiraum entsteht dort,
    wo du nicht sofort füllst,
    nicht festhältst,
    nicht optimierst.

    Wo du Raum lässt.
    Für Bewegung.
    Für Wandel.
    Für das, was kommen will.

    Vielleicht ist das das Wesentliche:
    Dein Leben braucht nicht mehr Inhalte,
    sondern mehr offene Stellen.

    Räume, die nichts von dir wollen.
    In denen du nichts erreichen musst.
    In denen Leben
    still und von selbst
    Gestalt annimmt.

    02. Woche

    ÜBERWINTERN

    Der Winter fragt nicht, ob wir bereit sind.
    Er kommt einfach.
    Mit kurzen Tagen, kalten Händen –
    und manchmal sogar mit Schnee.

    Viele wollen diese Zeit hinter sich bringen.
    Durchhalten.
    Funktionieren.
    Auf den Frühling warten.

    Die Natur tut etwas anderes.
    Sie hält inne.
    Sie spart Kraft.
    Sie bewahrt, was leben will.

    Überwintern heißt,
    dem Rhythmus zu vertrauen, der jetzt da ist.
    Nicht alles will wachsen.
    Manches will ruhen.

    Es ist die Zeit der Rauhnächte.
    Eine stille Zeit zwischen den Jahren.
    Nicht mehr ganz hier.
    Noch nicht dort.

    Viele spüren jetzt Fragen.
    Nach Sinn.
    Nach Richtung.
    Nach dem, was trägt.

    Auch wir kennen diese Zeiten.
    Wenn die Energie sinkt.
    Wenn das Leben schwerer wird.
    Wenn der innere Kompass leiser wird.

    Zen fragt nicht:
    Wie werde ich wieder produktiv?
    Sondern:
    Wie kann ich existieren,
    ohne mich zu verlieren?

    Überwintern heißt,
    weniger zu erwarten.
    Weniger zu wollen.
    Mehr zu schützen.

    Nicht gegen die Dunkelheit zu kämpfen,
    sondern einfach da zu sein.
    Mit einem warmen Getränk.
    Mit einer Decke.
    Mit zwanzig Minuten Sitzen.

    Nicht um etwas zu erreichen.
    Sondern um nichts zu verpassen.

    Das genügt.


    01. Woche

    DAS IST SCHON ALLES

    Auch die besten Vorsätze sind Kinder der Zeit.
    Sie kommen – und sie gehen.
    Oft leiser, als wir es bemerken.
    Viele überleben nicht einmal die ersten Wochen des neuen Jahres.

    Wer heute nicht scheitern möchte,
    muss nicht größer träumen,
    sondern kleiner beginnen.
    Weniger versprechen, dafür halten.
    Einen Schritt setzen.
    Und ihn wirklich gehen.

    Am tragfähigsten sind Vorsätze,
    die nur etwas Bestimmtes betreffen oder
    einen Tag lang gelten
    Es genügt, das Gute still zu suchen –
    nicht heroisch, nicht perfekt,
    sondern geduldig.
    Stunde für Stunde.
    Ohne Übermaß.
    Das ist schon alles.

    Im Zen heißt es:
    Jeder Tag ist ein guter Tag.

    Warum also nicht heute?

    Nur für heute
    werde ich mich bemühen, diesen Tag wach zu erleben,
    ohne alle Fragen des Lebens lösen zu wollen.

    Nur für heute
    werde ich eine gute Tat vollbringen
    oder auf eine meiner kleinen Gewohnheiten verzichten –
    und still darüber bleiben.

    Nur für heute
    werde ich niemanden kritisieren,
    niemanden verbessern,
    nicht einmal mich selbst.

    Nur für heute
    lege ich meine Rollen ab:
    das Image vom spirituellen Menschen,
    vom Bescheidenen,
    vom Helfer,
    vom Guten.
    Ich darf einfach da sein.

    Und schließlich –
    nur für heute werde ich mir einen Moment Zeit nehmen
    für das Gemeinsame,
    für die Stille, die uns verbindet,
    für eine Fernmeditation mit der Sangha (gegen 19:30 Uhr).

    Nicht für immer.
    Nicht für morgen.
    Nur für heute.
    Mehr nicht.


    52. Woche

    LEBE DEINEN RHYTHMUS

    Manchmal reicht ein kurzer Blick nach außen, und etwas in dir zieht sich zusammen. Andere scheinen weiter zu sein, freier, erfolgreicher. Ihr Leben wirkt rund, deines eher unfertig. Doch das, was du siehst, ist selten das Ganze. Es sind Momentaufnahmen – während dein eigenes Leben sich gerade bewegt, tastet, sucht.

    Vielleicht beginnt ein selbstbestimmtes Leben genau hier: in diesem unfertigen Moment.

    Es gibt nichts zu beweisen. Und es ist nicht nötig, jemandem zu ähneln. Dein Leben entfaltet sich nicht nach fremden Maßstäben, sondern in deinem eigenen Rhythmus. Mal ruhig, mal stockend, mal überraschend klar. Wenn du innehältst und hinschaust, kannst du spüren, was dich trägt – und was dich müde macht. Beides gehört zu dir.

    Es gibt nichts an dir, das repariert werden müsste. Es genügt, dir zuzuhören. Mit Geduld. Mit einer gewissen Milde. Fehler verlieren ihre Schärfe, wenn du sie nicht festhältst. Sie kommen und gehen, wie Gedanken im Sitzen. Und du bleibst.

    Vielleicht magst du dich heute ein wenig besser versorgen. Einen Spaziergang machen. Früher schlafen gehen. Den Atem ein paar Augenblicke länger wahrnehmen. Kleine Gesten, unscheinbar – und doch wirksam. Sie erinnern dich daran, dass dein Leben nicht optimiert werden will, sondern bewohnt.

    Wenn der Vergleich auftaucht, darf er weiterziehen. Kein anderer Mensch steht an genau diesem Punkt, mit genau dieser Geschichte, diesem Körper, diesem Blick auf die Welt. Dein Weg ist weder schneller noch langsamer. Er ist deiner.

    In der Stille der Meditation zeigt sich manchmal etwas sehr Einfaches: Du bist schon da. Ohne Rolle. Ohne Etikett. Nur atmend, lebendig, gegenwärtig.

    Ein selbstbestimmtes Leben fühlt sich nicht laut an. Eher wie ein leises Einverstanden-Sein. Mit dir. Mit diesem Moment. Und mit dem nächsten Schritt, der sich von selbst ergibt.

    51. Woche

    BEWUSSTES SEIN
    Über das, was bleibt

    Jenseits von Raum und Zeit berührt uns etwas Namenloses.
    Es hat keine Form, keinen Ort – und doch ist es intim vertraut.
    Worte gleiten daran ab wie Wasser an einem Stein.
    Dieses Geheimnis ruht nicht irgendwo draußen.
    Es schläft im Innersten unseres bewussten Seins.

    Dort liegt eine stille Kraft, eine Quelle ursprünglicher Lebendigkeit.
    Sie nährt nicht den Ehrgeiz, sondern die Kunst, wirklich zu leben.
    Doch sie öffnet sich nicht durch Wissen, nicht durch Konzepte.
    Nur Erfahrung kennt ihren Zugang.
    Nur Übung, Geduld und die Bereitschaft, still zu werden.

    Meditation ist kein Weg nach oben.
    Sie ist ein Heimkommen.
    Wenn wir sitzen, atmen und bleiben, beginnt sich ein feiner Raum zu öffnen.
    Körper, Atem, Gefühle und Gedanken fallen nicht mehr auseinander.
    Sie werden ein Feld – lebendig, wach, durchlässig.
    In diesem Feld zeigt sich etwas Zeitloses:
    eine wache Liebe, eine stille Verbundenheit mit allem, was ist.

    Seit Anbeginn tragen wir dieses Bewusstsein in uns.
    Es liegt jenseits des Denkens, jenseits der vertrauten Identitäten.
    Doch viele leben getrennt davon, gefangen in erlernten Bildern,
    in Geschichten von Mangel, Abgrenzung und Angst.
    So entsteht ein Gefühl des Getrenntseins – von sich selbst, vom Leben.

    Und doch ist die Zeit reif.
    Ein leiser Wandel geht durch viele Herzen.
    Nicht laut, nicht spektakulär – eher wie ein Erwachen im Morgengrauen.
    Ein Bewusstsein, das nicht trennt, sondern verbindet.
    Das nicht herrscht, sondern lauscht.
    Das erkennt: Entwicklung geschieht nicht durch Flucht ins Höhere,
    sondern durch vollständige Gegenwärtigkeit im Jetzt.

    50. Woche

    UNSER WAHRES GESICHT

    Ein Mönch lebte zurückgezogen in einer einfachen Klause. Seine Tage waren schlicht und still, getragen vom Atem und dem Klang des Brunnens vor seiner Hütte. Eines Tages erreichte ein erschöpfter Wanderer diesen Ort und bat um Wasser. Der Mönch schöpfte aus dem alten Steinbrunnen und reichte ihm die Schale.

    Nachdem der Wanderer getrunken hatte, fragte er neugierig:  

    „Warum lebst du hier in dieser Einsamkeit? Was gibt dir Sinn?“

    Der Mönch antwortete nicht sofort. Stattdessen deutete er auf das aufgewühlte Wasser, das noch vom Schöpfen vibrierte.  

    „Schau hinein. Was siehst du?“

    Der Wanderer blickte – und sah nichts. Nur Bewegung.

    „Warte“, sagte der Mönch.

    Gemeinsam schauten sie auf die Oberfläche, die sich langsam beruhigte. Schließlich spiegelte das Wasser ein Gesicht zurück.

    „Jetzt sehe ich mich“, sagte der Wanderer leise.

    Der Mönch nickte.  

    „Solange das Wasser bewegt ist, bleibt alles verborgen. Erst in der Stille erkennst du dich selbst.“

    *

    Diese einfache Szene lehrt uns: Unser Inneres ist oft aufgewühlt wie Wasser nach einem langen Tag. Doch wenn wir innehalten, atmen und nichts hinzufügen, klärt sich die Oberfläche.  

    Und wir sehen wieder: unser wahres Gesicht

  • Einladung zur Meditation

    Unser Zenkreis Gelderland trifft sich regelmäßig zweimal im Monat, sonntags um 19 Uhr, zur Meditation in der Yoga-Oase Geldern (Übungsraum s. oben).

    Wer gern mit uns  meditieren möchte, melde sich bitte vorher an bei Gregor Behrendt, Tel. 0172 4199901. Nähere Einzelheiten über unsere Sangha und Meditationstermine finden Sie unter dem Link:  Zen-Weg

    Seit 2019 wird jeweils zum Wochenbeginn immer hier oben im ersten Beitrag ein „Zen-Impuls der Woche“ veröffentlicht.